Orgelmusik aus St. Jodokus
“Orgelhymnen der Nationen”
Georg Gusia spielt an der Kreienbrink-Orgel von St. Jodokus Vertonungen von Nationalhymnen aus drei Jahrhunderten von Claude Balbastre, Dudley Buck, Max Reger, Padre Davide da Bergamo (Felice Moretti),
Edward Elgar, Johann Christian Heinrich Rinck, und Charles Ives.
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Nationalhymnen und Märsche auf der Orgel? Angesichts der Tatsache, dass die Orgel als christliches Kultinstrument schlechthin gilt, mag dies auf den ersten Blick befremdlich erscheinen. Zieht man aber in Betracht, dass die musikalische Faktur vieler Nationalhymnen choralartig ist, wie religiöse Kampflieder wie Luthers Ein feste Burg es sind, die u.a. als Vorläufer der Nationalhymnen zu gelten haben, der Marsch durchaus zum Orgelmusikrepertoire gehört (die Beispiele reichen von frühen Orgeltabulaturen bis zu Sigfried Karg-Elerts Marsch über Nun danket alle Gott aus den 66 Choralimprovisationen op. 65), und bedenkt man schließlich, dass die Nationalstaatidee im 19. Jahrhundert eine quasi religiöse Überhöhung erfuhr, so ist eine CD-Produktion wie die vorliegende keineswegs abwegig.
Als wegweisend bei der Verbreitung von Nationalhymnen gelten die französische Marseillaise und das englische God save the King/Queen. Die bereits 1745 erklungene Melodie der englischen Nationalhymne erreichte eine ungeheure Popularität - diesen Sachverhalt spiegelt auch die Überzahl der hier eingespielten Bearbeitungen wider - und wurde mit verschiedenen Texten unterlegt, u.a. mit dem 1793 von Balthasar Gerhard Schumacher gedichteten Heil Dir im Siegerkranz.
Die Komponisten der meisten Hymnenmelodien sind unbekannt. Einzig die Melodie zur österreichischen Kaiserhymne Gott erhalte Franz den Kaiser stammt von einem Komponisten von Rang, nämlich von Joseph Haydn.
Der Nachahmungsästhetik des 18. Jahrhunderts verpflichtet, schuf Claude Balbastre (1727-1799) mit Marche des Marseillois et l’Air Ça-ira - der vollständige Titel lautet: Marche des Marseillois et l’Air Ça-ira (Arranges pour le Forte Piano / Par le Citoyen C. Balbastre / Aux braves defenseurs de la Republique française l’an 1792 1er de la Republique [Marsch der Marseiller und Lied Ça-ira für Klavier bearbeitet vom Bürger C. Balbastre, den tapferen Verteidigern der französischen Republik im Jahr 1792, dem ersten der Republik]) - ein kleines Tongemälde, das, nach der Präsentation des Themas und einer das Thema in Achteltriolen und Sechzehntel auflösenden Variation, eine Schlacht sowie die Flucht der Feinde (rasch aufsteigende Skala) „malt“ und Kanonendonner erklingen lässt (mit Hilfe einer absteigende Skala, deren Einzeltöne festgehalten werden, so dass ein clusterartiges Gebilde entsteht). Mit dem abschließenden Lied Ça-ira („So geht’s“) wird der Sieg gefeiert.
Der aus dem amerikanischen Bundesstaat Connecticut stammende Dudley Buck (1839-1909) verbrachte einige Studienjahre in Deutschland und war in dieser Zeit u.a. Schüler des Leipziger Thomaskantors Moritz Hauptmann. Bucks Variationen über das 1916 zur amerikanischen Nationalhymne erklärte Star-Spangled Banner (mit dem Text „Sternenbesätes Banner“ wird auf die Flagge der Vereinigten Staaten Bezug genommen) stehen in der Tradition der im 19. Jahrhundert sehr beliebten Konzert-Variationen. Auf zwei figurative Variationen folgen eine Variation mit Pedalsolobeginn und eine in Moll. Den Abschluss bildet eine Fughetta.
Die im Umkreis der Chorwerke op. 144a und b (Der Einsiedler und Requiem nach Hebbel) und des Klarinettenquintetts op. 146, aber vor op. 135b entstandene Sammlung Sieben Orgelstücke op. 145 zählt, im Vergleich z.B. zu seinen großen Choralphantasien, sicherlich zu Max Regers (1873-1916) eher schwachen Werken. Dennoch darf eine Aufnahme mit auf der Orgel gespielten Nationalhymnen Regers op. 145, 7, Siegesfeier überschrieben, nicht außer Acht lassen. Nach einem virtuos angelegten Eingangsteil verarbeitet Reger in dem kleinen Werk die allerdings recht unvermittelt nebeneinander stehenden Melodien des Chorals Nun danket alle Gott und des Lieds Deutschland, Deutschland über alles. Wie manches andere während der Jahre des Ersten Weltkrieges entstandene Werk (z.B. die „dem deutschen Heere“ als Beitrag zum „Weltkrieg deutschen Geistes“ gewidmete Vaterländische Ouvertüre op. 140) dokumentiert op. 145, 7 Regers nationale Gesinnung, darüber hinaus aber auch eine heute unglückselig erscheinende Verquickung von Kirche und Vaterland.
Die Sinfonia col tanto applaudito inno popolare (Sinfonia mit der so sehr gefeierten Nationalhymne) des Franziskaners Padre Davide da Bergamo (1791-1863) ist ein beredtes Beispiel für eine Orgelmusik, die schon Zeitgenossen nurmehr als Zeichen des Verfalls deuten konnten, da Geist und Gebärde der italienischen Oper sowie typisch orchestrale Satztechniken (z.B. führende Melodiestimme, mit gebrochenen oder schnell repetierenden Begleitakkorden) unbesehen auf die Orgel übertragen werden. Das Stück, in dem nach einer langsamen Einleitung ein spielfreudiges Allegro vivace und die österreichische Nationalhymne (Norditalien gehörte damals zu Österreich) alternieren, war gedacht als Begleitmusik zum Offertorium in einer feierlichen Messe.
Nach Henry Purcell trat mit Edward Elgar (1857-1934) erstmals wieder ein englischer Komponist mit internationalem Ansehen in Erscheinung, das er ganz wesentlich auch seinen Oratorien verdankt. The Dream of Gerontius (1900) z.B. gehört zu den bedeutendsten Werken dieser Gattung seit Händel. Unter dem Gesamttitel Pomp and Circum-stance fasste Elgar einen bis auf den heutigen Tag äußerst populären Zyklus von Militärmärschen zusammen, der auf einzigartige Weise nationales Pathos mit kompositorischer Brillanz verbindet, die sowohl den Hörer der Orchester- als auch den der Orgelfassung gleichermaßen in den Bann zieht.
Johann Christian Heinrich Rinck (1770-1846) erhielt seine Ausbildung bei Johann Christian Kittel und ist damit Enkelschüler Johann Sebastian Bachs. Rinck verfasste eine Praktische Orgelschule, die bis ins 20. Jahrhundert hinein weit verbreitet war. Seine Satztechnik ist deutlich strenger und weniger auf Effekt bedacht als die z.B. Padre Davide da Bergamos. Die Variationen über Heil Dir im Siegerkranz op. 55 stehen teilweise in der auf Samuel Scheidt zurückgehenden Tradition der barocken Choralvariation (die Hymnenmelodie wird als cantus firmus behandelt, der als Klangkontrast zu den anderen Stimmen erklingt), teilweise erscheint die Melodie in einem insbesondere durch Chromatik harmonisch reicher ausgestatteten Gewand. Die dominantische Verknüpfung von letzter Variation und imitatorisch gearbeitetem Schluss-teil sowie die Apotheose des Themenkopfs scheinen Regers Choralfantasietechnik zu antizipieren.
Charles lves (1874-1954), der zwischen 1889 und 1902 mehrere Organistenstellen innehatte, zählt zu den renommiertesten amerikanischen Komponisten. Seine Bedeutung liegt nicht zuletzt in der Tatsache begründet, dass er verschiedene Innovationen, die für die moderne europäische Musik bestimmend wurden, vorweggenommen oder aber zur gleichen Zeit, unabhängig von europäischen Einflüssen, entwickelt hat. So begegnet man in seinen Variations on a National-Hymn (America) erstmals Passagen, die bitonal angelegt sind, also zwei unterschiedliche Tonarten übereinanderschichten. Ives hatte hier, nach eigenen Angaben dem Vorbild des experimentierfreudigen Vaters folgend, die einzelnen Stimmen mit unterschiedlichen Vorzeichen versehen. America variiert die Melodie der englischen Nationalhymne, die 1891, dem Entstehungsjahr der Komposition, noch mit der amerikanischen identisch war: Auf zwei figurative Variationen folgen, unterbrochen durch ein bitonales Zwischenspiel, zwei ausgeprägt tänzerische Variationen. Den Abschluss bildet, nach einem weiteren bitonalen Zwischenspiel, eine Variation mit hoch virtuos geführtem Pedal (die Angabe des Komponisten lautet: „Allegro - as fast as the pedals can go“).
Dr. Paul Thissen